Abstract
7 min readAm 23. August 2019 verstarb Walter Thiel plötzlich und unerwartet. Thiel war eine bedeutende Figur in der Theoretischen Chemie, und er hat in diesem Feld tiefe Spuren hinterlassen. Er war ein herausragender Wissenschaftler und ein bewundernswerter Mensch. Mit Walter Thiel verliert die Fachwelt einen visionären Vordenker, der stets um Vernunft und Ausgleich bemüht war. Am 23. August 2019 verstarb plötzlich und unerwartet unser langjähriger Freund und Kollege Walter Thiel. Walter Thiel war eine herausragende Figur in der Theoretischen Chemie und hat in diesem Feld tiefe Spuren hinterlassen. Er war ein herausragender Wissenschaftler und ein besonders wertvoller Mensch. Mit Walter Thiel verliert die Fachwelt einen visionären Vordenker, der stets um Vernunft und Ausgleich bemüht war. Walter Thiel wurde am 7. März 1949 in Treysa, einer kleinen Stadt in Hessen, geboren, wo er in einer sehr bildungsfreundlichen Familie aufwuchs. Walters intellektuelle Brillanz trat schon früh zu Tage, als er mit gerade 17 Jahren mit Bestnoten das Abitur ablegte. Er war gleichermaßen an Geistes- und Naturwissenschaften interessiert, entschied sich aber für das Studium der Chemie in Marburg (1966–1973). Walter Thiels Doktorarbeit aus dem Jahr 1973 beschäftigt sich mit der Theorie der Photoelektronenspektroskopie, sein Doktorvater war Armin Schweig. Bereits in dieser Zeit traten einige zentrale Eigenschaften von Walter Thiels wissenschaftlicher Herangehensweise auf: Auf der einen Seite war er stets konstruktiv an den Belangen seines Faches interessiert und wirkte in der Marburger Fachschaft an der Neugestaltung des Studienganges Chemie mit, den er als altmodisch empfand. Auf der anderen Seite vertrat Walter Thiel immer eine Forschungsrichtung in der Theoretischen Chemie, welche eng mit dem Experiment verzahnt war. Das politische Engagement für sein Fach und seine Nähe zum Experiment haben ihn sein gesamtes Forscherleben lang begleitet und ihm die uneingeschränkte Sympathie und die Bewunderung seiner Kollegen eingebracht. Walter Thiel entschied sich für einen Postdoktoranden-Aufenthalt in der Gruppe von Michael S. Dewar an der University of Austin, Texas. Da Walter an der Lösung von konkreten chemischen Problemen interessiert war, erschien diese Wahl als sehr logisch. Dewar war zu dieser Zeit in der semiempirischen Quantenchemie weltweit führend, und wellenfunktionsbasierte Ab-initio-Verfahren waren noch lange nicht in der Lage, Moleküle ausreichender Größe zu behandeln. Mit der semiempirischen Quantenchemie ließen sich, allerdings unter Einführung zum Teil drastischer Approximationen, viel größere Systeme berechnen. Walter Thiels Arbeit aus seiner Postdoktorandenzeit war ebenso erfolgreich wie spektakulär und hat das Feld der semiempirischen Quantenchemie nachhaltig geprägt. Seine Arbeit aus dieser Zeit setzte ihn unmittelbar an die Spitze dieses Feldes, eine Position, die er sein Leben lang beibehielt. Die Arbeiten waren um eine komplette Neuformulierung der so genannten “Zero-Differential-Overlap”(ZDO)-Methoden zentriert. Walter Thiel führte in die neue, “Modified Neglect of Differential Overlap” (MNDO) genannte, Methode neue Integralnäherungen ein, welche ihm auch erlaubten, einige Elektronenkorrelationseffekte in effektiver Weise bereits auf dem Niveau des selbstkonsistenten Feldes zu behandeln. Die MNDO-Methoden erlaubte viel genauere und schnellere Rechnungen als zuvor und wurde von Computerchemikern dankbar aufgenommen. Die beiden zugehörigen, im Journal of the American Chemical Society publizierten, Publikationen zählen noch immer zu den am häufigsten zitierten Veröffentlichungen in diesem Journal. In der Entwicklung der MNDO-Methode tritt eine weitere, sehr charakteristische Eigenschaft von Walter Thiels wissenschaftlichem Wirken zu Tage: die Verbindung von absoluter Präzision mit hinreichendem Pragmatismus. Das bedeutet zu akzeptieren, dass man zur Lösung chemischer Probleme methodische Kompromisse machen muss, die er aber nie leichtfertig, unnötig oder unkontrolliert in die Behandlung einführte. Ganz im Gegenteil: Er war immer höchst selbstkritisch und äußerst vorsichtig bei der Formulierung seiner Schlussfolgerungen. Was immer Walter Thiel wissenschaftlich tat, war die beste zu dieser Zeit verfügbare Lösung. Im Anschluss an sein Postdoktorat entschied sich Walter Thiel gemeinsam mit seiner Familie, nach Deutschland zurückzukehren. Bei seiner Habilitation, welche er wiederum in der Gruppe von Armin Schweig in Marburg anfertigte (1975–1982), ging es um hochauflösende Photoelektronenspektroskopie und semiempirische Quantenchemie. In seiner eigenen Erinnerung hatte Walter Thiel gemischte Gefühle bezüglich dieser Zeit und hätte ein höheres Maß an Unabhängigkeit bevorzugt. Im Jahre 1982 folgte Walter Thiel einem Ruf auf eine C3-Professur an die Universität Wuppertal. Zu dieser Zeit hatten die Fakultäten für Chemie und Physik einen der frühen Sonderforschungsbereiche gegründet (SFB 42), welcher sich mit hochauflösender Spektroskopie beschäftigte. Motiviert durch dieses Thema, begann Walter Thiel sich mit hochgenauen Ab-initio-Rechnungen zu beschäftigen, welche er auf die Vorhersage von hochaufgelösten rovibronischen Spektren anwendete. Auch diese Aktivität behielt er später bei. Bedingt durch seine herausragende internationale Reputation erhielt Walter Thiel einen Ruf an die Universität Zürich, welchem er 1992 folgte. In seiner Züricher Zeit arbeitete er sehr eng mit experimentell orientierten Kollegen, insbesondere aus der organischen Chemie, zusammen und lernte deren Sprache perfekt zu beherrschen. Für den weiteren Verlauf von Walter Thiels wissenschaftlicher Karriere ist es wesentlich, dass zu dieser Zeit die kombinierte Quantenmechanik/Molekülmechanik(QM/MM)-Methodik die Bühne betrat. Diese Methode beruht auf Ideen des Nobelpreisträgers Arieh Warshel und erlaubte es erstmals, Makromoleküle, wie z. B. Enzyme, auf der Basis der Quantenmechanik zu behandeln. Walter Thiel erkannte sofort das ungeheure Potenzial dieser Methode, vor allem in Verbindung mit semiempirischer Quantenchemie. QM/MM-Rechnungen sind sehr rechenintensiv und waren in den 1990er Jahren nur schwer mithilfe von Dichtefunktionaltheorie (DFT) zu handhaben. In den darauf folgenden Jahren leistete Walter Thiel gemeinsam mit seiner Arbeitsgruppe zentrale Beiträge zur QM/MM-Methodik, die essenziell für die Verankerung dieser Methode in der Chemie, Biochemie, der Pharmazie und den Materialwissenschaften waren. Es ist von daher nicht überraschend, dass seine Arbeiten in der Pressemitteilung des Nobel-Komitees bezüglich der Verleihung des Nobelpreises 2013 an Arieh Warshel zusammen mit Martin Karplus und Michael Levitt für die “Entwicklung von Multiskalenmethoden für die Behandlung chemischer Reaktionen” ausführlich gewürdigt wurden. Um großartige Ideen in praktisch anwendbare Werkzeuge zu überführen, benötigt man die einzigartigen Eigenschaften, die Walter Thiel so sehr auszeichneten: die Verbindung von technischer Brillanz, Pragmatismus und bedingungsloser Präzision. Walter Thiels Beiträge zur QM/MM-Methodik sind von bleibendem Wert. Als einer der weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet der Theoretischen Chemie erhielt Walter Thiel einen Ruf an das Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr, dem er 1999 folgte. Er leitete sein Institut bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2018 mit großer Umsicht und Hingabe. Für seine Kollegen war Walter Thiel ein kongenialer Kooperationspartner, der häufig neue Experimente vorschlug, welche in der Regel seine theoretischen Vorhersagen bestätigten und sehr häufig zu neuen Einblicken und Ideen für zukünftige Forschungen führten. Zusätzlich zu seinen methodischen Arbeiten hatte Walter Thiel großen Erfolg bei der Aufklärung chemischer Prozesse. Besonders zu erwähnen in diesem Zusammenhang sind sicher seine bahnbrechenden Arbeiten zur Chemie des Cytochrom P450 gemeinsam mit Sason Shaik (University of Jerusalem). Gemeinsam haben beide Forscher alle wichtigen Intermediate im Reaktionszyklus erschöpfend charakterisiert und neue Einblicke geschaffen, z. B. darin, wie fein orchestriert der Transport von Elektronen und Protonen in enzymatischen Reaktionen ablaufen kann. Andere höchst erfolgreiche Kollaborationen entstanden, z. B. mit Manfred Reetz zur gerichteten Evolution und mit Alois Fürstner zu den Mechanismen von bisher unbekannten metallkatalysierten Reaktionen. In späteren Jahren beschäftigte sich Walter Thiel unter anderem mit der Dynamik von elektronisch angeregten Zuständen, wobei er sich wiederum die Effizienz der semiempirischen Quantenchemie zunutze machte. Im Laufe seiner beeindruckenden Karriere hat Walter Thiel eine Reihe hochrangiger Preise und Ehrungen erhalten. Zu nennen wären beispielsweise die Liebig-Denkmünze der GDCh und die Schrödinger-Medaille der “World Association of Theoretically Oriented Chemists” (WATOC). Weiterhin war er Mitglied in einer Reihe von wichtigen Akademien, z. B. in der Leopoldina und der “International Academy of Quantum Molecular Sciences” (IQAMS). Ein Würdigung von Walter Thiels Forscherleben wäre aber unvollständig, ohne seine unermüdliche Arbeit in einer langen Reihe von wissenschaftlichen Kommissionen zu nennen. Wo immer er wirkte, hatte er stets ausschließlich das Wohlbefinden seines Forschungsfeldes und die Interessen junger Wissenschaftler im Blick. Jeder, der mit Walter Thiel in einer Kommission gearbeitet hat, wird bestätigen, dass er ein besonderes Talent darin hatte, auch sehr zerstrittene Gremien zu einem vernünftigen und friedlichen Konsens zu bringen. Er erreichte dies durch ein Höchstmaß an guter Vorbereitung, strikt analytischem Denken, unerschütterlicher Ruhe und bedingungsloser Fairness. Eigennutz war ihm dabei komplett fremd. Von den vielen Tätigkeiten, die Walter Thiel ausübte, sollen hier erwähnt werden: Er war Präsident der WATOC und der Arbeitsgemeinschaft Theoretische Chemie, Fachgutachter in der Deutschen Forschungsgemeinschaft, übernahm verschiedene Funktionen innerhalb der Max-Planck-Gesellschaft und war im Kuratorium der Angewandten Chemie und als Editor des WIRES-Journals tätig. Auch nach seiner Emeritierung setzte Walter Thiel sich, als Not am Mann war, in seiner charakteristisch selbstlosen Weise als Interims-Verwaltungsleiter seines Institutes ein. Mit Walter Thiel verlieren wir einen Forscher, der in der Theoretischen Chemie ein Gigant war. Darüber hinaus war er aber auch ein überaus weiser, gütiger und warmherziger Mensch, den nicht nur wir schmerzlich vermissen. Walter Thiel hat viele Karrieren inspiriert und gefördert, neue Forschungsfelder eröffnet und zur Wissenschaft in einer Art und Weise beigetragen, die ihn zu einem Vorbild für künftige Generationen macht. Sein Andenken und seine wissenschaftlichen Beiträge werden uns für immer begleiten.
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