Heirat im Ghetto. Im Verlauf des ethnographischen Berichts über eine Heirat im Chicagoer Ghetto wird versucht, einige Prinzipien und die dem gegenwärtigen amerikanischen schwarzen (Unter-)Proletariat eigentümlichen Geselligkeitsformen herauszustellen, und in dieser Form über die sozialen Bedingungen der Konstruktion eines in der sozialen Realität wie in ihrer wissenschaftlichen Behandlung mit Hohn betrachteten Objekts zu reflektieren. Durch die Wandlungen des Arbeitsmarktes und des politischen Feldes sozusagen überflüssig geworden, sind die Bewohner der städtischen Bantoustans Amerikas dazu gezwungen, sich mit billigen Imitationen und ohne Markenzeichen auf den Markt gebrachten Ersatzartikeln der geheiligten Güter, Riten und Werte der umgebenden Gesellschaft zufriedenzugeben. Der ihr alltägliches Leben kennzeichnende Millenarismus ist ein Mittel, nicht des Widerstands, wie manchen populistischen Soziologen es gerne scheinen möchte, sondern allein des in den Lücken der herrschenden Institutionen gefristeten einfachen Überlebens. An dieser Stelle ist angebracht, ausdrücklich die Vorzüge langzeiträumiger ethnographischer Beobachtungen (im vorliegenden Fall : drei Jahre) zu betonen. Nur sie erlauben es, sich ganz von der spezifischen Zeitlichkeit der untersuchten sozialen Welt imprägnieren zu lassen, Hypothesen in situ aufzustellen, aber auch sich bei der Formulierung des den Forscher dominierend leitenden Erkenntnisinteresses aus der vor Oit herrschenden Prozesslogik auszukoppeln, ein in einem derart materieller Dringlichkeit unterworfenen Universum, wie die afro-amerikanischen Ghettos es darstellen, besonders unangebrachtes Anliegen. Freundschaft erweist sich in einer solchen Welt als unentbehrliche Bedingung für die Erstellung nicht bloß künstlich erzeugter Daten, denn nur sie allein gestattet, die den Soziologen an seine Informanden-Freunde bindenden sozialen Beziehungen in dem zweifachen Sinn. mit Genauigkeit zu bestimmen, daß zum einen dieselben von ihm permanent im vorhinein analysiert werden, und daß er auf der anderen Seite das in einem solch' ungleichen Aus- tausch notwendigerweise implizierten Potential symbolischer Gewalt zu vermindern versucht.
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